Crauss tanzte von märz bis mitte juni 2007 im museum für gegenwartskunst siegen
auf einer go-go-plattform von Felix Gonzalez-Torres

"Jan und Mario schwärmen seitdem von dir: du hast dir (mindestens) drei neue buchkäufer ertanzt!" (Simone Kornappel)

die ausstellung "tanzen. sehen"

18.02.-07.06.2007

seit der 2. hälfte des 20. jahrhunderts lässt sich mit fortschreitender entwicklung der audiovisuellen medien eine kreative wechselseitige inspiration und provokation im dialog von bildender kunst und tanz feststellen.

für die amerikanische avantgarde der 60er jahre ist die gegenseitige befruchtung in der kooperation von entscheidender bedeutung. tänzer wie künstler entwickeln wichtige vereinfachungen und stellen das traditionelle verhältnis von musik und körperbewegung in frage; sie suchen ein neues verhältnis zum publikum und machen den prozess selbst zum werk. in bühnenbildern spielen die filmische projektion ua. technische neuerungen eine wichtige rolle, minimalskulptur und bühnenrequisiten inspirieren sich gegenseitig.

in den 70ern kommen fragestellungen nach identität und anthropologischen dimensionen im tanz auf, später bauen künstler auf avantgardistische fragestellungen der dekonstruktion und der medialen reflexion auf. bei jüngeren künstlern wird der tanz als konventioneller gesellschaftstanz, als rituelle praxis, als professionalisierte ausdrucksform der hochkultur, als individuelle entäusserung in der postmodernen popkultur thematisiert. in einem tanzenden körper verbinden sich soziale kommunikation und subjektive selbstwahrnehmung. im tanz kann sich das individuum zu vorgegebenen kulturellen formen in ein schillerndes verhältnis setzen.

die ausstellung zeichnet mit insgesamt ca. 100 künstlerischen arbeiten (ua. von Samuel Beckett, Trisha Brown, Merce Cunningham, Felix Gonzalez-Torres, Rebecca Horn, Bruce Nauman, Robert Rauschenberg, Boy & Eric Stappaerts, Stelarc) in dokumentarischen filmen sowie video- und skulpturalen installationen die geschichte der wechselseitigen bezugnahmen, der gemeinsamkeiten und kooperationen nach.

„tanzen. sehen“ wird nach siegen auch in sevilla gezeigt. es erscheint ein umfangreicher katalog. (museum für gegenwartskunst siegen)

(c) museum fuer gegenwartskunst siegen

(c) Michael Wagener

die plattform

Felix Gonzalez-Torres' "go-go dancing platform" von 1991/ 1995 (holz, glühbirnen, draht, acrylfarbe, go-go tänzer in silberlamé, walkman) befindet sich in privatbesitz und wurde als dauerleihgabe in verschiedenen ausstellungen (ua. "das achte feld", "tanzen.sehen") bisher in st. gallen, köln, frankfurt und siegen gezeigt.

die arbeit transportiert mit der entrückung der tanzplattform aus dem ursprünglichen raum eine andere kulturelle praxis in den rahmen des museums. objekt wie tanzendes subjekt erfahren in einen neuen zusammenhang gebracht eine wendung ihrer ursprünglichen aussage. das ausgestellte podest erhält für 15 minuten am tag zu unregelmäszigen zeiten seine funktion als tanzplattform zurück.

"das einschleusen von bildern, die in denen ihnen eigenen referenzsystemen bereits spezifisch kodiert waren, in den als neutral erachteten museumsraum reizte [seit den 70er jahren] eine vielzahl an künstlern, die [neben der heraushebung aus dem originalkontext] mit der konfrontation eben jener bezüge die selbstreferenzialität und abgeschlossenheit des museums in frage zu stellen suchten. Piotr Uklanskis 'untitled (dance floor)' (1996) ist eines dieser werke. das leben der 'club culture' wiederspiegelnd, wird [ein] aus farbig beleuchteten kuben zusammengesetzter tanzboden im rahmen seiner ausstellung mit diskomusik beschallt, die die ausstellungsbesucher dazu einlädt, mit dem traditionellerweise andächtigen ritual des ausstellungsbesuchs zu brechen und sich dem rausch der musik hinzugeben. [so] wird [der besucher] von der arbeit nicht mehr nur als sehendes auge, sondern auch und vor allem als agierender körper angesprochen." (Peter Reeh, "beyond the white cube" im ausstellungskatalog zu "tanzen. sehen.")

der tänzer

Crauss ist abwechselnd mit einem weiteren tänzer 3x die woche (fr-so) für zufällige 15 minuten teil des kunstwerks "untitled/ go-go dancing platform"

der blick des tänzers gleicht dem blick des models vom laufsteg herunter, "ein blick, der niemals dem jeweiligen konkreten objekt, sondern nur dem unsichtbaren betrachter gilt" (R. Hamann)

"oft geht der blick am betrachter vorbei. sie schielt und schneidet grimassen. für sie persönlich ist das schielen in die kamera oder während ihrer freizügigen tanzdarbietungen vielleicht ein moment des widerstandes. sie verweigert die annahme des auf sie gerichteten blicks. sie ironisiert die offensive erotik, spielt mit ihrer sexuellen ausstrahlung und schwächt deren wirkung ab. sie kanalisiert und zerstreut. sie entkommt dem blick des betrachters, dem sie sich ausliefert. sie negiert die theatralisch aufgeladene situation und die sexuelle attraktion mit ihren gesichtern." (Ralf Schulte über Josephine Baker)

"Ich sagte ihm, daß ich erstaunt gewesen wäre, ihn schon mehrere Male in einem Marionettentheater zu finden, das auf dem Markte zusammengezimmert worden war, und den Pöbel, durch kleine dramatische Burlesken, mit Gesang und Tanz durchwebt, belustigte.

"Er versicherte mir, daß ihm die Pantomimik dieser Puppen viel Vergnügen machte, und ließ nicht undeutlich merken, daß ein Tänzer, der sich ausbilden wolle, mancherlei von ihnen lernen könne... Jede Bewegung, sagte er, hätte einen Schwerpunkt; es wäre genug, diesen, in dem Innern der Figur, zu regieren; die Glieder, welche nichts als Pendel wären, folgten, ohne irgend ein Zutun, auf eine mechanische Weise von selbst... Zudem, sprach er, haben diese Puppen den Vorteil, daß sie antigrav sind. Von der Trägheit der Materie, dieser dem Tanze entgegenstrebendsten aller Eigenschaften, wissen sie nichts: weil die Kraft, die sie in die Lüfte erhebt, größer ist, als jene, die sie an der Erde fesselte... Die Puppen brauchen den Boden nur, wie die Elfen, um ihn zu streifen, und den Schwung der Glieder, durch die augenblickliche Hemmung neu zu beleben; wir brauchen ihn, um darauf zu ruhen, und uns von der Anstrengung des Tanzes zu erholen: ein Moment, der offenbar selber kein Tanz ist, und mit dem sich weiter nichts anfangen läßt, als ihn möglichst verschwinden zu machen." (Heinrich v. Kleist über das Marionettentheater)

"gerade darin, dass Gaspard nicht auf das publikum schielt, liegt seine möglichkeit, einzugreifen... Gaspard ist bereit, über seinen eigenen schatten zu springen: über sein ich, über sein du, über sein dort. sie auseinanderzuhalten ist ihm nicht mehr notwendig in diesen augenblicken, in denen er sie genau durchdenkt... es ist die schönheit, die in dem ausbruch aus dem puppendasein liegt. garcía Lorca schreibt über das gelingen diees ausbruchs, man verspüre seine wirkung verschieden. 'der eingeweihte, indem er sieht, wie die ausdrucksart einen armseligen stoff überwindet; der unwissende in dem ich-weiss-nicht-wie einer echten erregung.' er gibt dafür ein beispiel: 'vor jahren in einem tanzwettbewerb in jerez de la frontera, trug eine 80jährige den preis davon gegen die schönsten frauen und jungen mädchen mit hüften wie quicke wellchen; und zwar einzig und allein dadurch, dass sie die arme hochstiess, den kopf in den nacken warf und einmal mit dem fuss aufs podium stampfte. so also musste in der versammlung von musen und engeln, von frauenschönheit und schönheit des lächelns dennoch der todnahe dämon gewinnen, der seine flügel aus rostigen messern über den boden schleifte.'" (Walter Höllerer, "fortgang")

„jetzt donnert die musik durch während ich/ in einem einsamen moment sie höre. jetzt ist sie überall/ um mich. der tanz! das wort löst sich los weil es/ artikuliert werden will. [...] gedichte sind sehr spezifische arten des tanzens, weil sprache die möglichkeit ist, die uns als menschen am spezifischsten ist. unsere antwort auf die musik, oder auf das, was sie erschafft, ihre wirkung in der wirklichkeit, die uns gegeben ist, ist der tanz.“ (nach Robert Creely nach William Carlos Williams)

die tänzerinnen begannen ihr spiel. ihr schritt war elastisch, und die seele der tanzbewegungen lieh ihnen auch etwas beseeltes. Bernis gefiel der rhythmus, der ihnen gleichgewicht gab, freilich ein schwankendes gleichgewicht... es ging eine stark sinnliche wirkung von ihnen aus, wenn sie immer von neuem das bild auflösten, das eben zur form hatte werden wollen und das sie im augenblick des erstarrens, gleichsam an der schwelle des todes, noch einmal zu bewegungen des lebens auflockerten... und Bernis dachte: mich lockt all dies dunkle, das sich da bewegt. die tänzerinnen verneigten sich, nachdem sie einige rätselhafte zeichen in den sand geschrieben und gleich wieder verwischt hatten. Bernis gab der leichtfüszigsten von ihnen einen leisen wink. „du kannst gut tanzen.“ ...losgelöst von ihrem element, dem tanz, war sie ungelenk und fast entstellt. „woran denkst du?“ (Antoine de St. Exupéry, "südkurier")

(c) Michael Wagener
(c) Michael Wagener
überlegungen zum konzept

es kommt nicht darauf an, wer tanzt, sondern dass jemand tanzt und mit einer bestimmten art des auftretens (in silberlamé) die normierte vorstellung des mit erotisierten assoziationen des disko-tänzers vorführt. durch die räumlichen verrückung der ausstellungssituation von der disko ins museum wird das klischee aufgedeckt und hinterfragt.

"dem betrachter bleibt nur eine unangenehme position des zuschauens ohne sound, dem tänzer der stumme tanz ausserhalb seines kontextes. diese mittlerweile fünfzehn jahre alte arbeit fasst vieles über die abstraktion des begehrens mit ein: es ist abhängig von kopf und kontext und fällt rasch in sich zusammen, wenn eins von beiden fehlt oder stummgeschaltet wird. in dieses vakuum sickert erfolgreich die kunst ein." (taz)

"übrigens war in der ersten ausstellung zeitgenössischer kunst, in die ich abseits der schule ging, mumok in wien, damals noch beim arsenal, auch so ein tänzer von gonzales-torres. hab mich kaum hinsehen getraut, es war im ganzen raum wie in einem engen lift, vom blick-gefühl her. die peinlichkeit erschütterte die eigene intimsphäre und man fürchtete gleichzeitig, die des anderen ebenso zu verletzen. hatte damals wohl noch keine ahnung von exhibitionismus, oder doch, aber so wie man von krebs oder behinderungen versucht zu schweigen und zu tun, als ob alles ganz normal wäre, was aber in diesem fall bedeutet, dass das, was passiert, negiert werden muss. und natürlich die sekundäre peinlichkeit, dass es mir peinlich war, einen so schutzlosen tänzer betrachten zu sollen, und die pein der ahnung, dass ich mich in solcher verklemmtheit durchaus nicht als museumskompetent erwies." (Ann Cotton, forum der 13, 13.07.2007)

"art historical references aside, Gonzalez-Torres has a profound respect and consideration for his audience and is extremely concerned with beauty, pleasure, and poetry." (the ranaissance society)

nützliches und bilder: [1] [2] [3] [4] [5] [Michael Wagener]

aufzeichnung: tagebuch eines tänzers.

es ist zeit. und dies ist die aufzeichnung der zeit. es wird zeit. und dies ist die aufzeichnung in der zeit.. gedanken eines revuemädchens während des entkleidungsakts. es geht auf zwölf: ich komm zu spät zum bus. der käse ist im andern laden besser. milchabbestellen hab ich heut vergessen. und jenes gedicht von Brecht wollt ich noch lesen...

18.feb.2007 im allgemeinen rufen einen als schriftsteller agenten oder kommissionen an, um mitzuteilen, man sei für einen buchpreis vorgeschlagen oder als moderator [eines orchesters] gewünscht. man sagt auch schon zu, weil das ja eine grossartige sache ist und man gerne auf der bühne steht, solange es nur halbwegs bezahlt wird. die party mit dem durchaus renommierten klangkörper soll aber eine benefizveranstaltung [...] sein und man wird ausser einer das hemd im arsch zusammenziehenden plörre von wein – edler als die flasche bei derartigen gelegenheiten stets, stets! die verpackung – keinen müden cent gage bekommen. nichts gegen die veranstaltung, aber das kann ich mir nicht leisten.

warten auf den nächsten anruf, der auch prompt kommt. U. meldet sich, sei von der pressestelle des museums für gegenwartskunst auf einen job angesprochen worden, den er aber wegen zu weiter anfahrt unrentabel findet. selbstverständlich steckt mehr dahinter, U. will sich nicht lächerlich machen, fürchtet vielleicht um seinen ruf, obwohl auch er, wenn nur der scheinwerfer irgendwo angeht, richtig aufdrehn kann. es geht also um die ausstellung „tanzen.sehen“ mit grossartigen photographien auf hochhausdächern sich bewegender balletteusen und ballettisten, sich als nackte zofen im kornfeld inszenierende photographinnen und jeder menge videoinstallationen sowie live-performance. über 30 künstler sind aufgeführt, einer davon werde ich sein. vielmehr: teil eines unbetitelten kunstwerks von Felix Gonzalez-Torres sein. der mann ist längst tot, der mann hängt mit seinen lichterketten und granulat-installationen längst im moma, bei guggenheim und wo sowas sonst noch hingehört.

die „tanzen.sehen“ ausstellung war vorher in lausanne zu sehen und bietet dort wie hier ein ziemlich schlichtes, vom künstler babyblau angemaltes und mit glühlämpchen umranktes podest zum drauf tanzen. in der schweiz war es ein richtiger muskelmann, hier in siegen wirds eine stadtbekannte kneipenbedienung sein, schmächtiger, netter kerl — und eben ich. mit normalo-aussehen und bauch. wir werden ein quietsch-silbernes go-go-höschen anhaben, turnschuhe und H. zusätzlich ein käppi. ich habe mir ausserdem ein leibchen ausbedungen, so kann ich den job wagen, ohne meinen bauch so gnadenlos ins rampenlicht halten zu müssen. hose und weste schneidert Susanne Prümm mir auf den leib, die ja tolle kostüme entwirft und sowas auch schon für bühnenkünstlerinnen wie „Stephanie“ getan hat. alles ganz schön knapp, die hose betont durchaus das hinterteil und man kann ein bisschen ahnen, was sonst noch drinsteckt.

jeden tag zu einer selbstgewählten uhrzeit also, für den museumsbesucher zufällig, eine gutbezahlte viertelstunde lang tanzen, ohne mich komplett zum affen zu machen. habe ich etwa bedenken? aber ja, und zwar in dem masze, in dem sich eine süffisanz in das lächeln der damen legt, die mich engagieren. an ihrer stelle hätte ich mir das ebenso nett ausgemalt, einen eventuell knackigen kerl in der ausstellung sich körperlich betätigen zu haben.

der clou beim ganzen soll ja aber neben dem zufallsprinzip derjenige sein, dass niemand musik hört ausser mirselber. ich trage funkgesteuerte kopfhörer und kann mir selbst aussuchen, zu welchem titel ich mich gerade bewege. tanzen sehen, nicht: musik hören. und halbwegs ausgezogene kerle angucken, versteht sich. dabei vergaszen die museumsdamen aber ganz zu erwähnen, wie er überhaupt heisst, der künstler. war wohl nicht so wichtig wie die aktion selbst?

dass ich tanzen würde, hatte sich auf der arbeit bereits herumgesprochen, noch ehe ich überhaupt zugesagt hatte. als ich abends dort ankam ein grosses hallo und noch viel derberes ausmalen. von zurückhaltung oder respekt gegenüber privatem konnte beim einen oder anderen keine spur sein. man fühlte sich gezwungen, das sehr lächerlich zu finden und unter jedermanns würde, wollte aber im gleichen atemzug wissen, wann genau das denn stattfände, damit man da auch einmal zuschauen könnte...

dabei musste ich mir doch erst noch gedanken darum machen, ob und wie mein guter ruf als dichter und lehrer durch eine solche aktion wohlmöglich schaden nähme. etwa, wenn studenten mich als go-go-boy sehen und am nächsten tag schreibaufgaben von mir gestellt bekommen. wahrscheinlich hätten sogar die studierenden noch weniger probleme damit als die institution selbst, das weiss ich ja noch von früheren anstellungen und anstellereien dort — und zwar noch nichtmal wegen amoralität oder ähnlichem, sondern weil der „fall“ in keiner haus-, tages- oder lehrauftragsordnung vorgesehen ist. bei den eltern gabs nicht viel mehr als erstaunen über den merkwürdigen job, den ich mir nun schon wieder geangelt hatte, eher in der richtung „der junge wird wohl wissen, was er da tut.“ dass ich ja dann demnächst so berühmt sei wie Gina Wild ging nun in eine komplett falsche richtung und auf mangelnde oder einseitige vorstellungskraft, Ruth half mir aber, meine eigenen bedenken zu vergessen, und sie hat recht. schliesslich ists keine disko, in der ich im käfig tanze oder von der box herunter leute anmache, sondern seriöse kunst in einem seriösen und nach wenigen jahren in der kunstwelt bereits einigermaszen anerkannten museum.

(c) unbek - gegenwartsmuseum

23.feb.2007 der erste tanz gestern. die neue pressereferentin war gerade dabei, sich im museumsbetrieb einzuarbeiten und wollte von H. und mir schon genaue tanztermine mit uhrzeit wissen, weil angeblich die besucher danach fragen. sicher, das habe ich bereits bei den ersten beiden sessions bemerkt. es tanzt sich eigentlich lustvoller und energischer, wenn publikum anwesend ist — muss ja nicht ständig sein, dass 20 leute die ganze zeit drumherum stehen und gaffen, aber wenn ab und an mal jemand hereinschaut oder aus dem aufzug steigt und unmittelbar vor meinem himmelblauen, mit glühlämpchen umrankten podest steht, bisschen staunend, bisschen konsterniert, ist das schon angenehm. eines der lämpchen habe ich heute bereits kaputtgetanzt; das areal ist noch zu eng bemessen, wenn man mich liesse, füllte ich eine ganze halle aus.

genaue uhrzeit anzugeben, abgesehen, dass ich das nicht für jeden tag kann, ist jedenfalls schwachsinn. wenn die besucher danach fragen, sind sie ohnehin schon in der ausstellung und werden kaum ein zweitesmal kommen, um mich oder H. zu sehen, einmal abgesehen davon, dass das nicht der eingebung des künstlers entspricht.

zunächst müsste man sich aber mal merken können, wie der künstler überhaupt heisst. ich versuchs mal: Felix Gonzalez-Torres. richtig. muss man erst gugeln, steht nämlich nicht ausdrücklich in der pressemappe, die das museum verteilt.

beim ersten tanz also bin ich dann prompt überrumpelt worden. hatte bei zusage letzte woche gefordert, nicht vor schülern und studenten zu agieren: das erste publikum war dementsprechend eine gruppe kunststudenten der siegener uni. hat ja geklappt... setzten sich auf trepp’ und boden und schauten eine komplette viertelstunde zu. wie lang und anstrengend die berühmten 15 minuten werden können, wenn man genügend heisse rhythmen auf den ohren und augenpaare auf dem hintern hat!

die studis machen projektarbeit und bringen demnächst schülergruppen mit ins museum, zeigen, erklären, malen mit den kindern selbst. während — das war beim tanzen hübsch aus den augenwinkeln zu beobachten — die mädchen mit vergnügen zusahen und die aktion spannend fanden, ihr einen ästhetischen mehrwert abgewinnen konnten, wussten die jungs definitiv nicht, was sie mit einem in knappen glamourklamotten vorhopsenden kerl anfangen sollten. einer, ein einziger vielleicht, der aus ganz eigenen gründen interessiert gewesen sein mag. die anderen litten und hielten das für nur schwul. recht haben sie, sollten sich aber einmal überlegen, woher bloss dieser instinkt kommt... abgesehen davon, dass ich, von der tanzfläche zu ihnen hinunter steigend, an jenem punkt gern über die herkunft von disko und pop aus der schwulen subkultur der 60er und 70er jahre diskutiert und ihnen zumindest Thomas Meinecke ans ach so kalte herz gelegt hätte.

choose life, fpi project war der anfang, und garnicht so schwierig oder peinlich oder was immer sonst ich befürchtet hatte. für jeden tanz eine andere musik, höre meine kompletten singles ab während der zeit (charmant, wenn sichs tatsächlich um 7’’ vinyls handelte), und zuerst also der trainspotting-soundtrack: choose life, choose a job, choose a career... heute habe ich mir dann Crystal waters’ boy from ipanema auf die ohren gelegt, musste dafür aber die komplette scheibe durchtanzen, also etwa 30 anstatt 15 minuten, weil nicht nur eine weitere gruppe schüler mit ihrem lehrer da war (beim zweitenmal ist man schon beinahe abgestumpft, meine einwände verflogen, zumindest aufgegeben), sondern auch Michael Wagener, der bilder fürn ausstellungskatalog macht. ich werde also vollends zum objekt. kunstobjekt.

26.feb.2007 sonntagstanzen – scratched von Etienne de Crecy – war wieder schaulaufen. eine führung, bei der die komplette siegener prominenz anwesend war. was die sich gedacht haben dabei... vor gruppe tanzen an sich geht ja, bloss sollen mir nicht alle einzelnen bekannt sein oder erscheinen. andererseits: hatte ich das nicht gewollt, berühmt zu werden? man kann sich eben nicht in jedem fall aussuchen, auf welche weise. jedenfalls hat marvellous tolle photos geschossen, die ich nun für flyer und werbung verwende. später auch welche mit maske, wirklich abgefahren, und kaum aufgenommen, schon im netz. und kaum in die fotocommunity gestellt, begeistert angenommen von Herbert rollschuh-Hindringer. das ehrt mich.

02.märz.2007 heute also der erste tanz vollkommen ohne publikum. noch nichtmal die aufseherin hat zugesehen, dabei hatte ich Adeva auf den ohren mit ihrer slutty – also nuttigen – version von respect. wirklich enttäuschend... ich hätte mich nackig ausziehen oder einfach in einem anderen raum tanzen können, es hätte wohl niemanden interessiert. höchstens die frau an der kasse, die mich auf dem monitor ein bisschen zeitverzögert anschauen kann, wenn sie lust hat. vielleicht sollte ich einmal ausprobieren, wie weit die phunk-phones reichen und im aufzug hoch und runter tanzen. unten einmal die türen auf und zurück zur plattform im zweiten stock. oder einfach mal diszipliniert den kompletten tanz lang die freie wand hinter mir fixieren, quasi dem vorhandenen oder nichtvorhandenen publikum den arsch hinhalten.

beim alleinetanzen kann man aber gut nachdenken, sich sachen ausdenken. es gehört ja durchaus nicht nur zum kunstwerk, dass der zuschauer nicht hört, wonach die bewegungen ablaufen, nicht allein das zufallsprinzip ist entscheidend, dass ich eventuell gerade nicht tanze wenn jemand da ist, sondern eben auch umgekehrt: dass niemand da ist, wenn ich tanze.

15.märz.2007 Marcel also im museum, sieht mich tanzen, hält sich zwischen einer horde stu-denten und kunstschulkindern dezent zurück, im hintergrund, dass ich ihn nicht ständig im blick habe - vielleicht will er mich nicht allzu sehr irritieren, vielleicht ist ihm aber die körperlichkeit auch zu intensiv. die musik springt, Dr. Alban ist insgesamt für jenes tanz-podest nicht die beste wahl, ohne dass ich genauer sagen könnte warum. ich werde recht langsam warm vor den studenten, die offenbar keine lust auf meine performance haben und nur wegen der kinder da sind. die kids wieder können nicht viel mit dem stummen ge-zappel anfangen, weil sie sich doch viel lieber selbst bewegen. immerhin ein kleines weil-chen bleiben sie bei mir, wohlmöglich, dass sie meine komische haarfarbe spannend fin-den. oder die verkleidung. away from home springt und hüpft und knistert jedenfalls und ich schwitze bereits ab minute eins. im takt zu bleiben, überhaupt einen zu finden. die mash-up version dann schwingt zwischen schnell und slow, was bei mir ein pendeln zwi-schen reinem beintanz und ausladenden armbewegungen macht.
16.märz.2007 ein weiterer tanz ohne publikum. dabei hab ich heute hübsch exzentrisch Tori Amos ausprobiert, gesten zu professionel widow, die mir wohlmöglich nur gelangen, weil niemand zusah. man könnte - sollte - viel mehr ausprobieren, ausser dem klassischen dis-kotanz wirklich einmal klassische musik oder ganz minimale bewegungen zu Bernd Alois Zimmermann etc, jemandem, bei dem alle halbe minute mal ein klavierton herunterfällt. spannende frage auch, ob vielleicht ein tollerer tanz gelingt, wenn man sozusagen ballett macht, also anhand eine im lied erzählten geschichte illustriert. Tori heute war zwar nicht eintönig, aber die textloseste musik bisher. oder gelingt etwa gerade das exzentrische - auch, und gerade in einem erweiterten ‚philosophischen' sinn - besser, je weniger man sich auf text konzentrieren muss und seinen körper dadurch freier zur verfügung hat?

habe dann später einmal ausprobiert, wie weit die headphones reichen. es knistert zwar ein bisschen, aber im aufzug funktionieren sie noch. bin eine etage runtergefahren, tanzend im lift, und hab prompt einen aufseher erschreckt. lustige sache, das werde ich wiederholen, wenn mehr publikum da ist.

18.märz.2007 gestern im museum nochmal den zufallscharakter der aktion gespürt: angeblich sollen vier besucher im haus sein, ich seh aber keinen einzigen, während ich auf boytronics blue velvet tanze und überlege, wo denn das hispeed  an der hispeed version sein soll – ein mix aus der mitte der 90er jahre – da tröpfeln gerade auf die letzte minute die vier besucher in meinen raum und staunen. das heisst: die frauen staunen, die herren schauen sich kurz die beschreibung hinter mir an, ansonsten ist ihnen die sache unangenehm. ich an ihrer stelle würde sehr offen und neugierig hinglotzen. was ist los mit den kerlen? geht denen so sehr der pop ab, dass sie sich nichts trauen?

überlege, ausser auf klassische, vielleicht einmal auf meine eigene platte zu tanzen. gute gelegenheit auszuprobieren, welche der stücke überhaupt tanzbar sind. generell muss ich aufpassen, bei songs, die ich sehr mag oder deren text ich gut kenne, nicht lauthals mitzugrölen. ist mir heute bei boy georges’ generations of love geschehen, so sanges-ausbrüche halt... im nebenraum wird das aufgrund der ohnehin sehr starken projektorlüftungen und videogeräuschen wohl kaum jemand gehört haben. dennoch: auch heute gabs publikum erst in letzter minute und manchmal glaube ich, die lauern bloss um eine ecke herum.

23.märz2007 dass ich mein silbernes höschen in einem brotbeutel transportiere, ist eine sache; manchmal aber glaub ich, hat mein tanz etwas schamanisches, besonders heute beim opm-mix von age of love. vergesst madonna! was oder wen ich da beschwöre, kann ich aber nicht sagen – sonst wirkte der zauber ja auch nicht – nein: ich weiss es tatsächlich nicht, muss mich überraschen lassen, welche geister sich von meinem hüftschwung herausfordern lassen.

heute: null betrieb und frostige kälte. musste mich erstmal warm und fröhlich tanzen, wofür bronski beat mit run from love trotz der melancholischen komponente hervorragend geeignet ist. auch einmal – madonna-wise – bodentanz ausprobiert, wozu ich dann aber doch (und erst recht mit schuhen) zu ungelenkig und ungeübt bin. ausladende gesten, becken vor – desire. und weils so gut ging, hinterher noch eine extrarunde ins nebenzimmer, vor die grosse leinwand, die ein bisschen lebendiger, aber genauso blass das fussbodenkratzen abbildet wie es auch auf dem ausstellungsplakat zu sehen ist. da kann man wunderbar schattentanzen. eigentlich müsste marvellous das nochmal photographieren, aber das schummrige licht hat ja schon die bilder der letzten session so grisselig gemacht.

vorhin noch: eine frau mit silbernem mondmantel. der würd gut zu meinem spacy outfit passen, so als henry maske umhang, wenn der champ den ring betritt. und neulich: zwei studenten, die mich wohl kannten und die sich, ohne dass ich es mitbekam – marcel war ganz ohr – über mich unterhielten: der macht das als recherche, der schreibt hinterher einen text drüber, da dürfen wir nicht zu lange hier herumsitzen... so in etwa.

25.märz.2007 meine güte, wie man schwitzen kann! das abtropfen hinterher dauert manchmal doppelt so lang wie das tanzen selbst. heute war der bauch aber auch zu schwer für die volle kraft voraus, die die somerville-mixes lieferten. by your side, und nur zum runterkommen noch die single-version. und ja, ich bekenne mich abermals zur rampensau; sobald publikum da ist, kann ich immer noch einen zahn zulegen, weiter aufdrehen als wenn ichs für mich alleine mach. heute aber nur zwei leute, die wie spione hinter der ecke hervorlinsen, sodass ich sie nicht sehen soll. ich seh sie trotzdem und sie verschwinden irgendwohin. viel los ist ja nie, gestern ebenfalls bloss zwei menschen, und die ersten seit beginn der ausstellung, die aus dem aufzug heraustreten und direkt vor meinem podium stehen. sie erschrecken sich mächtig und treten erstmal zwei oder drei schritte zur seite, um dann etwas verschüchtert, aber neugierig zu blinzeln. vorher schon stand eine der jungen aufsichten im lift, vermied die situation aber, indem er schnell zu einem anderen raum weiterlief, mit gezieltem schritt. als er zurückkam und auf den lift warten musste, drehte er mir sehr bewusst den rücken zu.

was also denkt das revuemädchen beim entkleiden? an einkauf, an den letzten liebhaber. idee: einmal ganz dezidiert musik auflegen, die man gerne mitsingt. der zuschauer hört nur das getrappel und den mutmaszlich schiefen gesang, nicht die musik. whisky & funk mitsingen, mitsprechen. denn: das singen gehört ja unbedingt zum tanz dazu.

30.märz.2007 denn das übersteigert den effekt noch einmal: den tänzer auf eine plötzliche art und weise (nicht einfach so) ohne podest tanzen zu sehen. ohne die silberklamotten wird das nicht recht wirken, dann hält man den zappelnden und wippenden vielleicht doch eher für einen schamanen oder für jemanden, der gerade bei einer esoterischen/ rituellen reinigung gestört wird. man erkennt dann den go-go nicht. andererseits: was ist tanzen sonst als befreiung und reinigung! man sollte einmal erleben, wie mir hinterher der schweiss rintt, wie all das böse aus mir heraustritt... befreiung von konventionen, von der üblichen art auch, körperlich zu kommunizieren, immer auf eine bestimmte – aber nicht selbstbestimmte art – körperlich kommunizieren zu müssen, das schnelle reinraus beim sex, das ritualisierte und äusserst komplizierte sich-die-hand-geben bei jugendlichen, allein das sich-nicht-anschauen im aufzug oder in der ubahn. einmal nicht die hand schütteln, sondern die hüften!

apropos: heute hatte ich ein wenig sorge, dass mir das gemächt aus dem knappen höschen rausbaumelt. entweder hat sich der stoff geweitet oder ich habe abgenommen. nicht eigentlich am gemächt wohl... die sorge war aber unbegründet und es muss sich auch niemand hoffnung machen, dafür hat susanne prümm den stoff zu gut hingeschneidert. an somervilles dark sky habe ich mir allerdings die brustwarzen aufgerieben.

zwei besucher heute wie gestern. das pärchen heute guckte ganz ungläubig, hatte sehr augenscheinlich keine gesteigerte lust, sich in meiner nähe aufzuhalten, schaute sich beim weggehen aber unablässig wieder um, als ob es sich vergewissern wollte, dass ich nicht plötzlich die plattform verlasse und hinter ihm hertanze. gestern zwei mädchen, studentinnen, die ich auch in der grösseren gruppe neulich  schonmal gesehen hatte. schauen die ganze zeit zu, wie ich die zwölf minuten version von aretha franklins deeper love runterrocke – und eine der beiden zeichnet mich beim tanzen! und nochmal: was denkt das revuemädchen beim entkleidungsakt? und beim akt selbst wahrscheinlich auch nichts anderes. ich frage lieb und die kunststudentin überlässt mir die skizze als souvenir, auch wenn ich mich drauf mit riesiger nase und über-spitzem kinn nicht recht wiedererkenne.
(c) Ludmila Torno

01.april.2007 club house feat. carl: light my fire. zunächst gabs wieder mal einen, der schüchtern um die ecke schaute und sich nicht näher traute. machte von weiter weg ein gesicht als sei ihm die performance ordentlich zuwider, hatte sich aber wohl erstmal umgesehen, was es wo gibt und kam bald wieder zurück und näher heran. längeres schauen auf die info-tafel als auf mich. der von der dame am empfang angekündigte kindergeburtstag vertrödelte sich zum glück im nebenraum, sodass ich rechtzeitig von der bühne war und mir garkeine weiteren gedanken machen brauchte, ob ich die kinder genauso unbeteiligt übersehen sollte wie die erwachsenen (um das anmachende der disko-umgebung zu vermeiden) – oder ob es wohlmöglich viel besser sei, die kids ganz direkt und aufmunternd anzulachen, in dem sinne: museum ist nichts staubiges, sondern lebendig, macht spass usw.

(c) Michael Wagener

ostermontag.2007 heute route 66/ behind the wheel, ein auch im beatmasters’ mix lässiges depeche mode stück. zum ruhigen angehen blieb aber keine zeit, bereits als ich aus der bibliothek stieg, in der ich mich jedesmal vom eleganten clark gable schnauzdichter zum  go-go-möpschen mache, kamen mir leute entgegen mit der dringenden frage, ob ich jetzt tanze. der ganze raum also in erwartung und von anfang an voll mit zwei oder drei familien aus siegburg oder gummersbach, inklusive kinderschar. die kids aufgeschlossen, die eltern aber richtig neugierig. und so blieb mir entgegen dem kindergeburtstag letzte woche, der ohne ansehen an mir vorübergegangen war – keine wahl als gleich voll loszulegen. immer schauen solche gruppen zwischendurch auch in die angrenzenden räume, sind aber schnell wieder da aus angst, etwas zu verpassen, auch, wenn im grunde nicht viel geschieht. ungewöhnlich heute auch, dass eine frau ganz dicht rankam, nicht nur die tafel hinter mir zu studieren (dafür sind ja auch eher die männer zuständig, damit sie zwischendurch was zu tun haben und nicht mit dem gefühl dastehn müssen, einen männerhintern anzustarren) – sondern ganz an die plattform ran, vielleicht interessiert an der ausfertigung des larmé-stoffs, den ich trage. vielleicht aber auch immernoch im begriff, eier zu suchen, die verbunden mit einer verlosungsaktion im gesamten museum versteckt waren...

das schloss eigentlich an eine überlegung an, die ich samstag machte. freitag gabs coro mit because the night und sonnabend depeche mode mit dem slavery whip mix von master & servant. ich musste selbstverständlich an leder und den geruch von leder denken und auch daran, wie es mit dem geruch wohl in meinem tanzraum steht. zur vollendung müsste der raum eigentlich neutral sein, aber natürlich riecht der staub, den die geräte, lampen und die werke verbreiten. und ich? riecht man den tänzer, zB wenn er schwitzt oder seine füsse, wenn er barfuss tanzt? auch hier: wie nah mag man einem performenden menschen kommen und ist das eine andere nähe als in der disko? kommt man sich in der disse näher? die angst, plötzlich beteiligt zu sein ist im museum wohl höher: passiv durch farbkleckse, schweisströpfchen oder körpergeruch, aktiv dadurch, zum eventuellen mitmachen aufgefordert zu werden.

das lied ist lang und ich habe auch nach den obligatorischen 15 minuten noch lust weiterzumachen. so tanze ich mal in die anderen räume hinein, als schattenriss vor einer leinwand herum oder im aufzug up and down. nur sonntags ein bisschen ruhiger mit east 17 und it’s alright; zunächst ist ja auch nur eine aufsicht da. der junge mann schaut stets als wüsst er nicht, was er von mir zu halten hat – und ich weiss nicht, was ich von ihm zu halten habe. miteinander ins gespräch sind wir jedenfalls nocht nicht gekommen: das museum als anonymisierte cruising area...

dann taucht peter reeh auf, zum dritten mal in dieser ausstellung, zieht einen bekannten hinter sich her, damit der mich auch einmal sieht. ganz begeistert vor ein paar tagen olaf neopan, der mit einer galeristin im museum war und freude versprühte. ich bin schon beim lässigen austanzen, da findet ers immernoch kraftvoll und elegant und kann sich gut vorstellen, wie anstrengend das ganze ist

14.april.2007 gestern wie letzte woche noch einmal east 17 mit it’s alright, bloss ein paar andere mixes, sonst nichts besonderes. länger mit der pressereferentin geplaudert, die wirklich nett ist und die mir im vertrauen berichtet, dass eine bestimmte person im museumsbetrieb sich das tanzen nicht habe anschauen können und dass die konfrontation wahrscheinlich für den zuschauenden noch unangenehmer sei als die exponiertheit für den tänzer.

habe im büro auch endlich einmal photos von dem zweiten tänzer gesehen. die sind schön, weil eine menge publikum rumsteht, aber H. sieht selbst auf den bildern unglaublich schüchtern aus und so, als ob er nur ganz dezent mit dem arsch wackelte. eine direkte begegnung mit mir bzw dass irgendjemand, mit dem er auch persönlich zu tun hat ihn beim tanzen sieht, wehrt er ab und windet sich.

heute eine zuschauerin, nein zwei – und ich tanzend, nein: mich bewegend zu meinen eigenen stücken. mehr im meyermix ist zwar ein gelungener song, aber doch zu langsam, um richtig drauf abhotten zu können. einzig auf den beat von bantu mantra (das taktische) kann man sich ein bisschen schneller und rhythmischer bewegen. wobei ja nicht gesagt ist, dass alles andere arhythmisch sei. gute stücke sinds allemal auf der cd.

15.april.2007 niemand da und ich tanze missing von everything but the girl. silke krah schreibt ins gästebuch: die gogotänzer sind super!

21.april.2007 let’s pretend we’re going home auf die ohren fürn hin- und heimweg und zuhause schon. mein eigenes bowie-best-of. zum tanzen heute aber erasure mit der abba-esque: live is à danser – voulez vous? gut, dass kein besucher im museum war, ich habe  gutgelaunt und lauthals mitgesungen. dafür ein bisschen weniger mit armen und beinen, fühl mich eh so unbeweglich heute, was gerade – in der neuen flocke – mit einem campari sehr angenehm zunimmt. die rezeptionsdamen im museum, so sagen sie mir, haben bereits philosophiert, ob sie nicht auch einmal heimlich auf die plattform steigen und ein tänzchen wagen sollen, erst recht als ich erzähle, dass mir die aktion meist gute laune macht und ein bisschen mischung aus sonnen- und fitneszstudio ist. von unten die lämpchen, von oben das bühnenlicht, der scheinwerfer, in den ohren adrenalin...

gestern pressetermin mit regine wenzel, der neuen – und dem blatt offenbar wohltuenden – kulturfrau der siegener zeitung. auf die viertelstunde noch einige extraminuten, weil faithless’ salva mea im way out west mix eben so lang dauert und spass macht und ich mich einigermaszen verausgabe mit figuren und energischem tanzen und so, mehr als sonst — und hernach dann beim ausdünsten und wiederabkühlen interessierte fragen und gemeinsame überlegungen zum aspekt der nähe/ der distanz zwischen tänzer und publikum. für den artikel nächste woche habe ich ihr ein marvellous-photo gegeben, auf dem ich nur von hinten zu sehen bin, nicht aufs lose blättern von allen möglichen eltern und nachbarn wiederzuerkennen, so hoffe ich. auch aus der hauptüberschrift soll mein name rausbleiben, bloss in der unterzeile erscheinen.

tags zuvor: erasure – am i right/ i love to hate you. uninspiriert, was die bewegung angeht; ich mach mir die ganze zeit über gedanken um literarische konzepte und leseprojekte. paar ideen zu gonzalez-torres, jedenfalls nichts weltbewegendes und alles schon wieder vergessen. als ich Ruth erzähle, dass ich versuchen will, auch einmal auf was klassisches zu tanzen, ist sie begeistert, freut sich und überlegt sogleich, was das sein könnte. vielleicht die Bachmotetten, cembalo.

24.april.2007 musik findet im kopf statt, nicht im körper. daher wäre es, wenn man das kunstwerk weiterdenkt, garnicht notwendig, dass sich der go-go-tänzer gross bewegt. eigentlich wäre nichtmal ein tänzer notwendig... und wahrscheinlich kommt auch, weil die musik im kopf stattfindet, sie genau dort wieder heraus: wenn ich während der performance beginne zu schwitzen, meist zuerst an den schläfen. wie blut tropfen die töne mir aus dem ohr, verflüchtigt sich der beat, die melodie wie ein parfum. oder wie die museumsbesucher, die sind wie die melodie zu meinem persönlichen rhythmus. sie kommen, bleiben einen moment, schauen sich um und gehen wieder. we come 1 am sonntag, heute tarantula. die führung bleibt nicht lang bei mir stehn, bis auf zwei damen, die zum nächsten raum weitergehn und nicht zurück zum ausgang. und von dort noch dreiviermal schauen. dann wieder nur eine aufsicht, die mit ihrer freundin geschäftig rumläuft und sich für mich nicht anstrengt. ich interessier mich ja ebenfalls kaum für die besucher, jedenfalls nicht für sie als individuen, nehme sie als objekte wahr, als ein etwas, auch dadurch, dass ich sie nicht direkt ansehe.

den subtech mix heute habe ich komplett gegen die wand getanzt, was zwar schön war, weil man irgendwann punkte, schatten oder die eigenen hände wie in trance vorbeifliegen sieht, aber auch schwierig, weil doch immer das bedürfnis aufkommt, sich zu drehen, „mit der musik zu gehen“, sich halt zu bewegen und auch, dem offenen raum hinter einem nicht den rücken zu kehren. ich bräuchte ohnehin viel mehr platz...

25.april.2007 bring my family back. bin heute garnicht in form und komm auch erst nach etwa acht minuten paul van dyk mix auf ein bisschen spass. Jan Driver’s boombastic ist zwar gut, hilft aber nicht viel. kurz taucht mir der gedanke auf, in wieweit man eine geschichte schauspielert, wenns viel liedtext gibt, wenn der song so wie heute zB, eine story erzählt. oder ob man in gesten verharrt.

27.april.2007 „deine sachen sind immer ein bisschen faunisch, aber nie ohne kopf.“ so ähnlich sagt es Anne Stötzel gestern am telephon, nachdem sie den tanz-artikel in der sz gesehen hatte und neulich begeistert war von meiner mehr/ blumen-mischung beim kunstmituns-abschluss. oder hat sie gesagt: „nie ohne herz“? jedenfalls mochte sie, dass ich gerade nicht von vorn, sondern rückwärtig abgebildet war. Regine Wenzels artikel war okee, trotz der üblichen ungenauigkeiten, die sich immer bei soetwas einschleichen. dass ich nicht auffallen wollte beim auffällig sein, hat die zeitung ganz geschickt umgangen dadurch, dass sie mir auf der kulturseite zwar entsprochen und meinen namen nicht fettgedruckt bzw mich von hinten gezeigt hat — auf dem titelblatt aber war eine ankündigung des artikels mit namen und bild von vorn. ich hab gelacht und die stirn in falten gezogen gleichzeitig. und daraus gelernt, was ich eh hätte wissen sollen: öffentlichkeit geht einfach nicht halb und halb, es heisst medium und nicht mett, sondern nur ganz oder garnicht. seis drum.

09.mai.2007 wo anfangen, im detail? dass ich mir eine kleine zerrung geholt habe beim tanzen, dass die kinder da waren, Matthias auch. am museumsjob an sich verändert sich nicht viel, H. scheint keine lust mehr darauf zu haben und redet sich die letzten paar wochen auf einen tennisarm (der einen ja nicht tanzunfähig macht, oder?) und auf ein dickes knie heraus. was mir letztendlich zugute kommt, ich auf diese weise ein regelmäsziges fitneszstudio habe, wohin es mich im normalen leben ja nie zöge — und endlich einmal wieder ein kleines plus auf dem konto. was die musik angeht, bin ich ein bisschen froh, das faithless-alphabet weggetanzt zu haben; es ist nicht gut, die musik, zu der man sich bewegen soll, zu sehr zu kennen. viele stücke erwiesen sich trotz bigbeat als bessere hör- denn tanzlieder.

10.mai.2007 heute also Gorecki in meinem srebreniza-mix mit dem radiokommentar von Niklaus Meienberg. extrem — nein, das wäre übertrieben, aber: sehr langsame musik, zu der man sich, hat man nicht genug spannung im körper, schnell zu viel und viel zu schnell bewegt, sozusagen ins dirigieren kommt. selbst auf die rhythmischeren stellen im 15minütigen single-mix, das stückchen Dylan und am ende Frankie, kann man nicht wirklich tanzen.

die grossfamilie, die zwischendurch reinschneit und bei mir wie auch in den anderen räumen sich nur paarsekundenlang umsieht, hätte wahrscheinlich auch nicht mehr interesse gahebt, wenn ich auf  french kiss herumgehopst wär. dabei waren die kinder wohl noch am ehesten dem tanz verwandt. nur videogucken oder einem beim tanzen zusehn ist nichts, es muss was zum mitmachen her, wie etwa die auf den boden zum nachsteppen geklebten tanzschritte.

letzte woche eine ganze schar kinderchen aus dem jugendkunstschul-projekt. die erzieherin kam selbst nicht recht aus dem quark, stellte den fünf- bis elfjährigen völlig theoretische fragen, wollte wissen: „habt ihr sowas schonmal im museum gesehen“, wo die meisten der kids noch niemals überhaupt in einem museum waren. die frau wusste offensichtlich wenig mit dem kunstwerk anzufangen, noch weniger aber mit den kindern, die sich jedes eine eigene tanzfläche aus pappe und silberpapier gebastelt hatten. im halbkreis um mein podest ausgelegt, warteten die kleinen gespannt ab, was geschieht — aber es geschah einfach nichts. so eine erzieherin muss in dem moment doch eine grossartige animierdame sein! als ich ein paar minuten vorgetanzt hatte, wars mir zu bunt, ich ergriff also selber die initiative und hob ein kind nach dem anderen auf meine plattform, während ich selber auf deren tanzflächen weitermachte. so sahen sie, was sie gebastelt hatten, eignete sich ausgezeichnet. endlich fingen sie an, sich ganz leicht selber zu bewegen und zu lachen, als ich meine hände in ihre abgelegten schuh und socken steckte und damit tanzschritte ausprobierte. dann liess ich meine kopfhörer von einem zum nächsten wandern und verlor selbst nicht an schwung. die kids fanden collapsing new people ein bisschen eine komische musik; zu sowas soll man tanzen können? aber es ging, besonders der kleinste, Nils, kam richtig in fahrt. das älteste mädchen dagegen war schon viel zu verbogen, wollte auch garnicht auf die plattform. verzagtes gesicht. aber insgesamt eine menge spass, auch für mich. das war so ziemlich der beste tanz bislang.

playlist

fpi project - choose life (tour de force remix)

crystal waters - the boy from ipanema (goh hotoda mix)
alex gopher - use me (wuzz)
etienne de crecy - scratched (demon remix)
etienne de crecy - noname (wuzz)
adeva - respect (milton’s slutty mix)
dr. alban - away from home (mashup version)
tori amos - professionel widow (armand’s star trunk funkin mix)
boytronic - blue velvet (energy hispeed mix)
boy george - generations of love (absolutely queer remix)
age of love - age of love (opm mix)
bronski beat - run from love (1991 single version)/ desire
jimmy somerville - by your side (the shining mix)
jimmy somerville - dark sky (sure is pure mix)
aretha franklin - a deeper love (civillés & coles deeper feeling mix)
club house feat. carl  - light my fire (noisy clouds mix)
depeche mode - route 66/ behind the wheel (the beatmasters mix)
coro feat. taleesa - because the night (ray rmx)
depeche mode - master and servant (slavery whip mix)
east 17 - it’s alright (uncle bob’s all strung out mix)
east 17 - it’s alright (the guvnor mix)
crauss - mehr (meyermix)
crauss - das taktische (bantu mantra remix)
e.b.t.g. - missing (ultramarine mix)
erasure - voulez vous
faithless - salva mea (wayoutwest mix)
erasure - am i right/ i love to hate you
faithless - we come 1(rollo & sister bliss remix)
faithless - tarantula (rollo & sister bliss funky as f*** mix)
faithless - tarantula (subtech mix)
faithless - bring my family back (paul van dyk mix/ jan driver’s boombastic)
crauss - single mix 03 srebreniza (15 min, 10 mb, 96 kbit/s)
fat gadget - collapsing new people (westbam mix)