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text in progress


dies ist ein text in progress. zitate, anmerkungen zum prozess des übersetzens, zum remix, remake und zur anverwandlung von texten. wie kommen texte zueinander, wie gehen sie aufeinander ein, wie übereinander hinweg. wie kommen texte zustande. der text über texte findet sich, wie zitate und bemerkungen in einem gespräch zueinander finden. kaum Crauss. zutaten an handverlag@web.de willkommen.


Stefan George, Rudolf Borchardt, Rainer Maria Rilke, Wislawa Szimborska, Ulrike Draesner, Hendrik Jackson, Adrian Kasnitz, Monika Rinck, Friederike Mayröcker, Ron Winkler, Peter Waterhouse, Stefan Beuse, Georges-Arthur Goldschmidt, Michael Donhauser, Eugène Delacroix

1/ übersetzung ist immer eine gratwanderung. ist sie wirklich gratwanderung? in der praxis ist sie für mich erst einmal nicht mehr als eine art diplomatischer akt, eine versuchsanordnung, die letztlich von der intuition geleitet wird, die immer ihre guten (oder schlechten) gründe hat. diese allerdings kann nur im vers aufgehen, sich einnisten, einweben, wenn die sprache sich dafür bereithält. und bei aller konstruktion und endlosen kombinatorik: die liebe zum original bildet dabei allemal die fuge, die naht, die ein zusammenwirken, ineinanderwirken des textes in zwei sprachen, aus zwei sprachen heraus, ermöglicht.

2/ wo immer eine übersetzung sich für ein moment der sprache, ob nun klang, narration, syntax oder ein anderes besonders stark macht, da leiden für gewöhnlich alle elemente der übersetzung. ausschliesslich in der ambivalenzeinheit von begriff und beobachtung, von konstruktion und organik, von projektion, die das wort auf die sinne wirft, und imagination, erinnerung, aus der die worte steigen, wie diese selbst zuvor aus dem sinnlichen erleben - entfaltet sich die bedeutung, die die welt ist.

3/ für die zeitgenossen Stefan George & Rudolf Borchardt war die literarische übersetzung nicht nur anverwandlung des fremden werks, sondern auch "schöpferische restauration" als geltendmachen einer tradition zum besten der kultur. in der übersetzung konnte zudem die probe auf verborgene ausdrucksmöglichkeiten des eigenen idioms gemacht werden. das erforderte eine experimentelle übersetzungshaltung, die die eigene sprache an der anderen bewegte,

4/ die die eigene sprache an der anderen rieb, abrieb, abrief, 5/ die am übersetzten text auf oft fremdartige weise erklingen liess, was Stefan George das tief erregende in masz und klang nannte. 6/ sprache ist nichts anderes als die distanz zwischen mir und dem anderen, lebendige distanz, in der das verlangen sich regt.

7/ erst durch sprache wird differenz zwischen erzählen und erinnern - aber auch das zusammenfallen beider - möglich. 8/ der leser sollte dabei nach der vorstellung Borchardts gleichsam die wiedergeburt eines werks in der deutschen sprache miterleben.

9/ vier verse pro strophe, lernte man früher; vier buchstaben pro genetischer einheit, lernt man heute. beides wird getragen von den spezifischen hoffnungen oder phantasienen der jeweiligen zeit darauf, dass die welt sich reimen, fügen, in strukturen offenbaren möge.

10/ die vermittlung des fremden werks an einen leser, der die originalsprache nicht beherrscht, war nicht das ziel solcher übersetzungen. auch bei Rilke wäre der leser schlecht beraten, wenn er nach verständnishilfen suchte. im gegensatz zu George und Borchardt sucht Rilke nicht die widerständigkeit der fremden sprache,

11/ die widerspenstigkeit der deutschen sprache 12/ und des fremden werks, sondern er verwandelt in sein idiom. 13/ Waterhouse liess seinen vers zum leser sagen: nicht mich übersetze, übersetz dich!

13a/ ich überarbeite meine texte sehr oft, nichts bleibt so, wie es in der ersten fassung war. auch die träume sind zum teil erfunden. ich arbeite viel mit exzerpiertem material. die zitate sind zum teil aber auch abgeändert, die werden nicht immer so verwendet, wie ich sie gefunden habe. ich mache dann, obwohl es fremde materialien sind, meinen eigenen text daraus. häufig dient dieses verfahren dazu, um in schwung zu kommen, so wie ich die musik verwende, damit sie mich antreibt. das zitat benutze ich als anregung, um dann sozusagen drüberzumalen. ich male etwas drüber, und damit verfremde ich es.

14/ alles unvollkommene ist leichter zu ertragen, wenn es in kleinen dosen verabreicht wird. 15/ das remake, remodel, ummodeln steckt voller ironischer energie, gerät beizeiten zur parodie. das gedicht ist immer eine improvisation. und hier sieht man, wie nah die lyrik noch an der musik ist: ein gedicht ist ein immer wieder neu eingespieltes stück.

16/ ich habe den Velazquez gesehen und erlaubnis erhalten, ihn zu kopieren. ich bin ganz erfüllt davon. 17/ das abweichende, sich besonders einfallsreich gebende und querlesende übersetzen ist nach und nach mode im deutschsprachigen raum geworden. kaum ein dichter, der nicht schon das eine oder andere probiert hätte - alle methodischen spielarten sind vertreten, nur eines soll es nie sein: die treue übersetzung.

18/ anders dagegen legen die meisten autoren, was ihr eigenes schreiben angeht, ein meist ungebrochenes originalitätsgebaren an den tag. sie lassen wohl fremde einflüsse gelten, aber so weit, dass sie in pastichen, imitaten und parodistisch anmutenden anachronismen bewusst hinter den fremdtexten verschwinden würden, wollen sie meist nicht gehen. die landläufige geringschätzung dieser formen tut ein übriges. dabei:

19/ lyrik zitiert immer, auch dort, wo sich das schreibende subjekt dessen nicht bewusst ist. 20/ man ist nie allein, immer gibt es 21/ subkutane einflüsse, mehrstimmige konstellationen, in denen nicht so leicht auszumachen ist, ob etwas, eine qualität, eine textfärbung gestohlen wurde oder sich hineingestohlen hat. 22/ man kann nicht nicht abstammen. stets 23/ beachtenswert auch die selbstzitate: ich blättere in meinen büchern und werde fündig.

24/ ein gedicht ist eine sprache aus echos und findlingen und blicken zu boden und auf in die weite:

25/ natürlich kann kein schriftsteller von sich behaupten, er habe eine ganz eigene stimme, weil er immer den ballast der weltliteratur mit sich herumschleppt, weil er immer leuten dankbar sein muss, die irgendetwas irgendwann zuerst getan haben und weil er, bewusst oder unbewusst, wahrscheinlich ständig quer durch seinen bücherschrank wildert.

26/ das ist fatal, wenn sich daraus restaurative anhänglichkeit ergibt, ungefilterter reload, die lehndomestizierung der eigenen individualität. prinzipiell jedoch sind inzestuöse allianzen, raubüberfälle und ihre vertuschung aus den energielehren der kreativität nicht fortzudenken. kunst positioniert sich aus kunst.

27/ gewisse eigenarten formen sich mit der zeit zwangsläufig heraus und werden stärker. meist sind es andere, die diese eigenheiten erkennen, und so formt sich langsam ein stil, bildet sich ein ton.


Gerhard Falkner, Ilse Aichinger, Günter Eich, Thomas Bernhard, Wislawa Szimborska, Uwe Schmitt, Ulrike Draesner, Marcel Beyer, Hubert Fichte, Oswald Wiener, Eugène Delacroix
1/ der hund bellt, der vogel pfeift, der menschliche körper spricht, spricht er vollendet, dann ist es poesie, ist es wahre poesie, dann handelt sie vom körper.

2/ körpersprache: ein schönes zeichen auf der haut. 3/ so glaubt Ulrike Draesner im eröffnungstext ihres gedichtbands 'kugelblitz' an 'direkt mit dem körper verbundene wörter. 4/ vier verse pro strophe, lernte man früher; vier buchstaben pro genetischer einheit, lernt man heute. 5/ der körper altert, geist bleibt. dennoch: 6/ schreiben macht müde. schwer.

7/ ich könnte noch schreiben, weil ich eben nichts anderes kann, aber es genügt mir, so lange als möglich nicht zu schreiben - der schwierigere und eigentliche teil der arbeit.

8/ der geistesmensch ist gerade in seiner untätigkeit am tätigsten, nur: das kann der nichtgeistesmensch nicht verstehen.

9/ jemand sitzt an einem tisch oder liegt auf einem sofa und starrt regungslos auf die wand oder an die decke. irgendwann schreibt dieser mensch sieben zeilen nieder, nur um fünfzehn minuten später eine von ihnen wieder zu streichen, und nachher vergeht eine weitere stunde, in der nichts geschieht... so ist das.

10/ denn es ist sicher nicht das vergehen von zeit, sondern das der eigenen person, auf das es ankommt. 11/ was ich weiss, geht mich nichts an. 12/ und was ich geschrieben habe, geht mich nach einem halben oder vierteljahrhundert noch weniger an.

13/ die wörter begannen, in haut überzugehen.

13a/ es ist die asiatische antwort auf das karkanische orakel, dass ein text durch nichts besser zum verschwinden gebracht werden könne als durch seine veröffentlichung.

14/ ich erinnere mich, als ich den begriff körpergedächtnis zum erstenmal hörte, leuchtete er mir sogleich ein als eine beschreibung von zuständen, ablagerungen, bewegungen, narben, falten, hautzeichnungen, jegliche spuren, die aufgrund bestimmter erlebnisse am körper zurückbleiben: ein gedächtnis, mit dem mir mein körper mitunter in die quere kommen kann, ein gedächtnis, das sich vielleicht sogar über generationen hinweg äussern kann, ohne dass die menschen davon erfahren.

15/ man kann nur mit der zunge, aber auch nur mit dem geist seiner zeit sprechen. man muss von denen, die einem zugehören, verstanden werden, muss vor allem sich selbst verstehhen. ein kunstwerk würde niemals veralten, wenn es allein das gepräge einer wahren empfindung trüge; die sprache der leidenschaft, die bewegungen des herzens sind immer dieselben. die effektmittel, die aller welt zu gebote stehen, die im moment, wo das werk komponiert wurde, in der mode waren, drücken dem werke unvermeidlich den stempel des veralteten auf und verdunkeln manchmal die grössten schönheiten. die meisten werke verdanken gewöhnlich ihren erfolg gewissen ornamentalen beigaben, die die mode heiligt. die, welche sich durch ein recht seltenes wunder dieser beigaben erhalten haben, werden erst sehr spät von generationen, die gegen diese konventionellen reize unempfindlich geworden sind, verstanden.

16/ was bleibt - (anstifter, dichter, feuerlegen und abhaun: was aber bleibt) - 17/ sind diejenigen, die einen starken glauben haben. die nichts haben

18/ ausser ihrer sprache, ausserhalb der sprache. sprachinnenräume. besonders im aussenraum, im ausland. ein europäer in japan muss sich anpassen, und wo er sich nicht anpassen kann, den konventionen mindestens so weit genügen, dass man ihn als fremdkörper nicht fürchtet.

19/ die anstrengung, etwas vage empfundenes in worte zu fassen, bringt den versulzten mechanismus, der meine reaktionen bestimmt, in viskose bewegung. ich beginne, etwas zu wissen.

20/ Uwe Schmitt war professioneller jazzmusiker, bevor er in die redaktion der faz eintrat und sieben jahre lang für diese zeitung aus ostasien/ tokyo korrespondierte. ein gaijin, fremder, fremdkörper, weisser - und eher später als früher journalist. also:

21/ zeitunglesen, nachdenken, schreiben, streichen und von neuem schreiben. gemächlich, schleppend, wahrnehmend. Miwa-san: die vermieterin. die obhut

22/ von Miwa-san, die sich durch grossen takt auszeichnete und mein leidendes selbstbewusstsein als erwachsener 23/ als europäer 24/ schonte, konnte nicht verhindern, dass ich für die anderen bewohner des viertels eine gaijin-dauerausstellung eröffnete. die neugier auf die leihgabe vom anderen ende der welt war gross, der eintritt frei, und der andrang gerade in den ersten wochen überwältigend. ich ahnte, dass ich es den leuten schuldete, bis sie mein gesicht von dem aller weissen ausländer unterscheiden konnten. niemand ging durch die gasse vor meinem haus, ohne hinaufzusehen. nicht etwa beiläufig, sondern angestrengt, die schritte verlangsamend, hoffnungsvoll.

25/ ich weiss nicht mehr, wie viele kleinkinder bei meinem anblick im park um die ecke spntan in tränen ausbrachen. andere schrien "gaijin! gaijin!", so selig, wie sie den namen ihres meerschweinchens rufen würden, zeigten mit ausgestrecktem zeigefinger auf mich und gaben keine ruhe, bis die kunde nicht weit und breit gehört war.

26/ nie erzielte ich einen höheren unterhaltungswert, als an jenem tag, da ich mich das erste mal mit einer zeitung und einem kaffee auf meinen balkon setzte. gruppen von schulkindern, die vorbeiradelten, bremsten abrupt und fielen fast vom fahrrad. hausfrauen blieben tuschelnd stehen, gesichter von nachbarn verharrten hinter ihren gardinen. alle lachten, und ihre aufrichtige heiterkeit versöhnte mich mit ihrer schamlosigkeit.

27/ was hatte ich getan?

28/ nun, ich hatte eine der bedeutendsten konventionen japans verletzt. sie lautet: stelle niemals musze zur schau, denn wer zugibt, am hellen tag zeit zu haben, beschämt die arbeitenden und jene, die vorgeben zu arbeiten.

29/ jemand sitzt an einem tisch oder liegt auf einem sofa und starrt regungslos auf die wand oder an die decke. irgendwann schreibt dieser mensch sieben zeilen nieder, und nachher vergeht eine weitere stunde, in der nichts geschieht.


Wislawa Szimborska, Helwig Brunner, Stefan Beuse, Georg M. Oswald, Jan Koneffke, Eugène Delacroix, Sven Hanuschek
1/ zeitgenössische dichter antworten ausweichend, wenn man sie fragt, was inspiration ist und ob es sie wirklich gibt. es ist eben nicht leicht, anderen etwas zu erklären, das man selbst nicht versteht.

1b/ es wird immer deutlicher - ohne dass Leupold das ausspräche -, dass es sich bei kreativen immer auch um kognitive prozesse handelt, prozesse des verstehens, die aber nicht einlinig verlaufen, sondern paradox. schreiben geschehe aus neugier über das, was man nicht weiss. über das, was man weiss, kann man trefflich predigen, aber keine poesie verfassen.

1a/ der laie glaubt, dass das talent sich immer gleich sein muss und dass es jeden morgen wie eine sonne aufgeht, ausgeruht und erfrischt; dass es bereit ist, aus der selben immer offenen, immer vollen, immer überfliessenden vorratskammer neue schätze zu holen und sie auf die des vorigen tages auszuschütten. er weiss, nicht, dass es, wie alles, was sterblich ist, eine ansteigende und eine abfallende bahn verfolgt und dass es unabhängig von diesem weg, wen es zurücklegt, wie alles, was atmet, indem es schwach beginnt, wächst, in seiner vollen kraft erscheint und allmählich verlischt, noch allen schwankungen der gesundheit unterworfen ist. ausserdem kann es vorkommen, dass es sich mitten im gebrauche seiner kraft verirrt. es gerät oft auf abwege und braucht dann viel zeit, um auf den ausgangspunkt zurückzukommen. wenn es dorthin zurückgelangt ist, so ist es oft nicht mehr dasselbe.

2/ "ich habe schon alles aufgeschrieben, ich habe dem nichts hinzuzufügen". es gibt in der welt keinen dichter, der das sagen könnte.

2a/ eines abends, ich hatte für uns vier gekocht, stand er nach der vorspeise auf und entschuldigte sich: ich komm hier zu gar nichts! ich muss arbeiten, mir ist was eingefallen, ich geh mal eben in mein zimmer, was notieren." er ging und kam nicht wieder heraus - an diesem abend nicht und auch nicht am nächsten tag.

3/ alles andere, will mir scheinen, betreibe ich ordentlicher als die lyrik. vielleicht fühle ich mich deshalb mit gedichten so wohl.

3a/ bei Meissonier seine barrikadenzeichnung angesehen. sie ist schauerlich wahr, und obgleich man nicht sagen könnte, dass irgend etwas falsch wäre, so fehlt doch vielleicht das undefinierbare etwas, das aus einem hässlichen gegenstand ein kunstwerk macht.

4/ sobald der fertige text auf dem tisch liegt, fällt es leicht, eine entstehungsgeschichte zu halluzinieren, mit den umständen zu kokettieren, unter denen das buch entstanden ist, und natürlich ist das alles nichts weiter als eine post-konstruktion, ein versuch, sich im nachhinein zu erklären.

5/ würde man dem text trauen, gäbe es nichts weiter darüber zu sagen, weil alles in ihm stünde.

6/ zahllose aufsätze von schriftstellern sind veröffentlicht, die dem mechanismus des schreibens auf den grund gehen wollen: jeder davon wahrscheinlich das resultat einer schreibblockade.

7/ schreiben hat für mich etwas extrem photographisches, denn auch da hängt alles davon ab, den rechten moment zu erwischen, der wirklichkeit - 8/ was ist wirklichkeit? 9/ - einen augenblick abzuschauen, der sozusagen im luftleeren raum für sich stehen kann.

10/ dieses wort, das sich ins gedicht verlaufen hat, das sich zwischen zwei worten plaziert, ohne platz zu haben, gegen das sich alle anderen worte sträuben - dieses wort erst macht aus einem vollkommenen gedicht: poesie.


Helwig Brunner, Gottfried Benn, Rainer Maria Rilke, Stefan George, Karl May, Agatha Christie, Stefan Beuse, Georges-Arthur Goldschmidt

00/ kunst kommt von kunst (und nicht einfach aus dem nichts oder leben), und literatur hat zumeist allerlei leseerfahrung zur voraussetzung. dass ein von lektüre gänzlich unbeleckter mensch, ein diesbezüglicher unschuldsengel, zum schriftsteller wird, dürfte die ausnahme sein - ein wunschbild.

1/ die ersten gedichte, mit denen ich im bett lag, liessen mich nicht wirklich an sich heran; und ich habe mangels besseren wissens nicht allzu viel mit ihnen versucht. sie waren einfach da. 1a/ fremde gedichte, fremdkörper. die ersten gedichte, an denen ich mich rieb - das waren doch menschen!

2/ in tiefster teenagerbrust und selbstüberschätztem gymnasiastenhirn umschwärmte ich Benn, Rilke und George, die sich damals noch in vorbabylonischer ungezwungenheit mit Karl May und Agatha Christie verstanden.

3/ dann der gierige griff nach vaters schreibmaschine: die erotik des gedruckten wortes, wenigstens des wie gedruckt aussehenden, hatte mich erfasst. die aneignung des fremden und die entäusserung des eigenen folgten von anfang an keinem sittencodex. 4/ die entäusserung des eigenen ging über in fleisch und blut. denn selbst nach der befriedigung bleibt das verlangen, wächst neu, wächst nach.

4a/ und der grund, weshalb die menschen schreiben, könnte wohl da liegen. das geschriebene hat als einzigen ursprung denjenigen, der schreibt, aber gerade dieser ursprung drückt sich im geschriebenen nie aus. meine geste habe ich als einziger gespürt; wort und schrift kehren sich um, kaum sind sie entsprungen, und hören auf, meine zu sein, im unterschied zur wollust, und deshalb bin ich zum wiederbeginnen gezwungen.

5/ man startet den wagen, fährt los; wie selbstverständlich spult man das gesamte programm ab, das in all den jahren gelernt und immer wieder geübt worden ist: gasgeben, bremsen, kuppeln, schalten; tag für tag hat man das praktiziert, so lange, bis man nicht mehr merkt, dass man es tut.

6/ es ist so in fleisch und blut übergegangen, dass sich die technik dem zustand des fahrens unterordnet. das erfordert kein scharfes bewusstsein, genausowenig wie das literarische schreiben. ein scharfes bewustsein ist eher hinderlich beim schreiben und führt zu einer eckigen fahrweise. natürlich muss man sich sehr genau kennen und seine technik beherrschen, bevor man losfährt.


Friederike Mayröcker, Marcel Beyer, Stefan Beuse, Peter Handke, Georg M. Oswald, Jan Koneffke, Gottfried Benn, Eugène Delacroix
1/ in der komposition eines spiels (radiospiels zb) kannst du nicht einfach emotional rotieren wie in einem langen prosatext sondern es gibt da ZIPFEL die irgendwie geknüpft : zusammengeknüpft werden wollen - man kann sie nicht einfach so herunterhängen lassen, sie können nicht aussehen wie diwanquasten.

1d/ es ist unglaublich, wie wirr die ersten elemente der komposition bei den meisten künstlern sind.

1b/ der zufall gibt mir ein französisches buch in die hand über den aufenthalt Berninis im jahr 1665 in paris, wo er den louvre-neubau entwerfen sollte. Bernini erzählt: 'solche monumentalwerke muss man zunächst in massen, alle macchie, komponieren, wie wenn man figuren ausschneidet und ohne einheitliche bildidee in verschiedene gruppen verteilt, um die komposition ins gleichgewicht zu bringen. später setzt man dann die zwischenräume sorgfältig mit füllfiguren aus und steigt herab bis ins detail. das ist der einzige weg, eine komposition gross und durchdacht aufzubauen. anders gelingt es einfach nicht, weil das detail sich sonst aufdrängt und somit gerade das, worauf es am wenigsten ankommt.'

1c/ ein genialer architekt darf ein gebäude kopieren, er wird es durch veränderungen originell machen. er wird es seinem standplatz anpassen. er wird in den distanzen, in den verhältnissen eine ordnung beobachten, die etwas neues daraus macht. die gewöhnlichen architekten, unsere modernen architekten können nur sklavisch kopieren. sie machen das demütigende eingeständnis ihrer unfähigkeit und haben mit ihrer nachahmung nicht einmal erfolg. denn das gebäude, das sie nach einem fremden muster errichtet haben, kann sich niemals in genau denselben verhälznissen befinden wie das original. sie können nicht nur nichts schönes erfinden, sondern sie verderben auch die schönen erfindungen anderer. unter ihren händen wird alles geistlos unbedeutend.

1a/ "absolute" gedichte - ich will trotzdem wissen, ob im absoluten eisschrank und heisswasser funktionieren. lieber etwas schmutz im gedicht als eines, vor dem man seine schuhe ausziehen muss. lieber ein gedicht, das wagt, sich zu beflecken. reine poesie wird von sauberkeitsfetischisten propagiert. sie ist blasses komplement des drecks.

2/ zu dem gedicht mit dem titel 'spucke' ist es allerdings nicht gekommen. trotz der ungefähr 30 seiten mit notizen zu exkursionen und geschichte, zu bildern und struktur des geplanten gedichts, trotz mehrfacher versversuche und einem halbherzigen neuansatz im september 1996 ist 'spucke' kein gedicht geworden.

3/ nun gibt es immer wieder ansätze, vorstufen zu gedichten, die nirgendwo hinführen, ohne dass dies der rede wert wäre. der unterschied bei 'spucke' ist der, dass ich dieses gedicht tatsächlich gern geschrieben hätte, noch immer gern schreiben würde, dass es also mit den ersten, fruchtlosen niederschriften nicht einfach verschwunden ist wie andere. die vorstellung dieses gedichts beschäftigt mich immer noch.

4/ ich brauche keine gewohnte schreibumgebung, und ich kann mit kugelschreibern und bleistiften genausogut arbeiten wie mit computern, auch, wenn das schreiben je nach schreibwerkzeug ein ganz anderes ist, und seltsamerweise auch das, was dabei herauskommt.

5/ trotzdem: in der endfassung fliesst alles im computer zusammen. vollgekritzelte bierdeckel, karteikarten und bearbeitete manuskriptausdrucke. die computerfassung wird immer wieder bearbeitet, so lange, bis keine silbe mehr stört.

5a/ Kai, der andere mitbewohner, erzählte einmal, wie er Oswald beim schreiben am küchentisch beobachtete: er schrieb auf einen dieser din-a4-blöcke aus kariertem umweltpapier, mit kugelschreiber. ich spülte ab. ich hatte das gefühl, es beruhigte ihn, dass ich da war. er schrieb in seiner kleinen, pedantischen handschrift und presste dabei die lippen zusammen. sobald er eine halbe seite voll hatte, riss er sie heraus und begann von neuem. er schrieb das, was er eben geschrieben hatte, noch einmal neu. es sah so aus, als schriebe er es ins reine, immer wieder. irgendwann, nach dem vierten oder fünften mal, strahlte er mich an und sagte: "jetzt hab ichs. jetzt bin ich drin in der geschichte. spielen wir schach?"

6/ das ist im grunde die prämisse, nach der schriftsteller arbeiten sollten: alles ausprobieren und dann bei der technik bleiben, mit der sie sich am wohlsten fühlen.



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quellen:


Aichinger, Ilse: daran glauben müssen. s.893 in: lose blätter. zeitschrift für literatur. heft 31, 9.jg. berlin: Renatus Deckert & Birger Dölling 2005 [1 übersetzen:] 20/ [2 körpersprache:] 7/ 10/ 12/ 17/

Apel, Friedemar: gefältelt hinterm fenster. der abschlussband der Rilke-ausgabe. ffm: faz 2.12.1997 [1 übersetzen:] 3/ 5/ 8/ 10/ 12/

Bernhard, Thomas [2 körpersprache:] 8/

Bormann, Alexander v.: formation fontanelle. die neuen gedichte von Ulrike Draesner stürzen gern himmelwärts. s. 17 in: literatur rundschau. beilage zur frankfurter rundschau am 16.03.2005 [1 übersetzen:] 13/ [2 körpersprache] 3/

Delacroix, Eugène: mein tagebuch. aus dem französischen u.m.e. einleitung von Erich Hancke, einem essay von Charles Baudelaire sowie einem personenregister. zürich: diogenes 1993, s. 13 (1824)/ s. 142 (1853)/ s. 146 (1854) [1 übersetzen:] 16 [2 körpersprache:] 15

Donhauser, Michael: die elster. nach Claude Monets "la pie". wien: Franz hammerbacher edition korrespondenzen 2002 [1 übersetzen:] 24/

Draesner, Ulrike: warum nehmen. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 9/ [2 körpersprache:] 4/

Eich, Günter [2 körpersprache:] 11/

Falkner, Gerhard: so begannen am körper die tage. s. 907 in: lose blätter. zeitschrift für literatur. heft 31, 9.jg. berlin: Renatus Deckert & Birger Dölling 2005 [1 übersetzen:] 17/

Fichte, Hubert: hotel garni. [2 körpersprache:] 13/

Fiebig, Gerald: remixer's delight. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 19/

Jackson, Hendrik: bekenntnisse eines farblosen autors. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 17/ 18/

Jackson, Hendrik: reflexionen zum übersetzen. s. 121ff. in: Marina Zwetajewa: poem vom ende/ neujahrsbrief. aus dem russischen und mit einem nachwort von Hendrik Jackson. wien: edition per procura 2003 [1 übersetzen:] 1/ 2/ 7/

Kasnitz, Adrian: vom ummodeln. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 15/

Mayröcker, Friederike: notiz zu meiner montage-arbeit. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 23/

Rinck, Monika: klopfgeister. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 21/

Schmitt, Uwe: tokyo tango. ein japanisches abenteuer. mit 23 fotografien von Nobuyoshi Araki. die andere bibliothek, hgf. von Hans Magnus Enzensberger. frankfurt/ main: eichborn 1999, s.37f. [2 körpersprache:] 22/ 24/-28/

3: 1/ 2/ Szimborska, Wislawa: warum mir der satz "ich weiss nicht" so lieb und teuer ist. der dichter und die welt. rede zum literatur-nobelpreis 1996. s. 12 in: frankfurter rundschau nr. 289 vom 11.12.1996 [1 übersetzen:] 14/ [2 körpersprache:] 9/ 29/

3: 3/ 4: 1/2/3/3y/ Helwig Brunner: die eigenliebe zum fremden. gegen den säfteTAUSCH DER LITERATUREN IST sCHNITZLERS 2REIGEN2 EIN KRIPPENSPIEL. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004

Winkler, Ron: tänze im stammbaum. in: intendenzen. zeitschrift für literatur. nr. 10, inform. + impress. berlin: Ron Winkler 2004 [1 übersetzen:] 22/ 26/

5:1/ Friederike Mayröcker: das zu sehende, das zu hörende. frankfurt/ main: sihrkamp 1997, s. 9

5: 2/3/ Beyer, Marcel: spucke. zur geschichte eines ungeschriebenen gedichts. s.37ff. in: Monioudis, Perikles (hg): schraffur der welt. junge schriftsteller über das schreiben. berlin, münchen: quadriga, generation berlin, beim econ ullstein list verlag 2000 [2 körpersprache:] 14

3: 4/5/6/7/9/ 4: 5/6/ 5: 4/5/6/ Beuse, Stefan: am anfang istdas bild. s.76ff. in: Monioudis, Perikles (hg): schraffur der welt. junge schriftsteller über das schreiben. berlin, münchen: quadriga, generation berlin, beim econ ullstein list verlag 2000 [1 übersetzen:] 25/ 27/

3: 2a/ 5: 5a/ Georg M. Oswald: Oswald schreibt. s.110ff. in: Monioudis, Perikles (hg): schraffur der welt. junge schriftsteller über das schreiben. berlin, münchen: quadriga, generation berlin, beim econ ullstein list verlag 2000

5: 1a/ Jan Koneffke: notizbuch (januar-juli 1995, auszug), s.39ff. in: ders.: halt! paradiesischer sektor! gedichte und ein notizbuch. mit übersetzungen von Paolo Scontini und sechs bildern von Cécile Hummel. edition villa massimo, ca. 1995

3: 10/ Jan Koneffke: notizbuch (januar-juli 1995, auszug), s.39ff. in: ders.: halt! paradiesischer sektor! gedichte und ein notizbuch. mit übersetzungen von Paolo Scontini und sechs bildern von Cécile Hummel. edition villa massimo, ca. 1995

Wiener, Oswald: wer spricht? s. 108ff. in: schreibheft. zeitschrift für literatur. hg. von Norbert Wehr. nr. 25. essen: rigodon verlag, märz 1985 [2 körpersprache:] 19/

4: 4a/ Goldschmidt, Georges-Arthur: der bestrafte Narziss. essay. aus dem französischen von Mariette Müller. zürich: ammann 1994 [1 übersetzen:] 6/

5: 1b/ Gottfried Benn: IV. block, zimmer 66. s. 1979 in: doppelleben/ autobiographische schriften. gesammelte werke in zwei bänden, hg. v. Dieter Wellershoff, band II. wiesbaden: limes verlag 1968

3: 1a/ Eugène Delacroix: mein tagebuch. aus dem französischen u.m.e. einleitung von Erich Hancke, einem essay von Charles Baudelaire sowie einem personenregister. zürich: diogenes, s. 24f. (1844)

3: 3a/ Eugène Delacroix: mein tagebuch. aus dem französischen u.m.e. einleitung von Erich Hancke, einem essay von Charles Baudelaire sowie einem personenregister. zürich: diogenes, s. 49 (1849)

5: 1c/ Eugène Delacroix: mein tagebuch. aus dem französischen u.m.e. einleitung von Erich Hancke, einem essay von Charles Baudelaire sowie einem personenregister. zürich: diogenes, s. 62 (1850)

5: 1d/ Eugène Delacroix: mein tagebuch. aus dem französischen u.m.e. einleitung von Erich Hancke, einem essay von Charles Baudelaire sowie einem personenregister. zürich: diogenes, s. 150 (1854)

4: 00/ Nizon, Paul: ein verhinderter romancier? ein leben als roman? s. 138 in: rowohlt literaturmagazin nr. 30., siegreiche niederlagen. reinbek: rowohlt 1992

Mayröcker, Friederike: im gespräch. die kunst kennt keine indiskretion. Thomas Combrink im interview mit Friederike Mayröcker. titel-magazin, september 2005; www.titel-forum.de (artikel 3862) [1: 13a/]

Coronato, Petra: tongue tongue Hongkong re: palmen und olivenhaine am nordpol. s.12ff. in: perspektive. hefte für zeitgenössische literatur. heft 50/ 51 redux. berlin, graz: verein gruppe perspektive 2005 [2: 13a/]

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